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Sexuelle Gewalt gegen Frauen – reden wir darüber

13.01.2016 Judith Raab

Die Geschehnisse rund um Neujahr in Köln machen etwas mit uns. Sie füllen derzeit alle Medien und Kommunikationskanäle. Das ist gut, denn es geht um ein wichtiges Thema: Gewalt gegen Frauen. Reden wir darüber, machen wir es zum Thema und vor allem: Sanktionieren wir jede Form von Gewalt gegen Frauen.

Selbst im Jahr 2016 ist diese Gewalt gegen Frauen immer noch eine traurige Realität in unserer Gesellschaft. Männer belästigen Frauen sexuell, in dem sie ständig widerliche (in ihrer Welt witzige) Bemerkungen machen, ihre Machtposition im Beruf ausnutzen, sich körperlich aufdrängen, bis hin zu Vergewaltigung und anderen Formen der Machtausübung. Machen wir uns bitte nichts vor: Gewalt von Männer gegen Frauen ist in unserer Gesellschaft alltäglich, mit und ohne Zuwanderung. JEDER sexuelle Übergriff (egal von wem) ist aufs Schärfste zu verurteilen.

Nach einer UNO Studie von 2011 ist der gefährlichste Ort für eine Frau in Europa ihr eigenes Heim. Sexuelle Gewalt ist keine Frage von Religion oder Herkunft – sie ist traurigerweise auch ein fixer Bestandteil unserer Gesellschaft, kein importiertes Phänomen.

Das Fatale ist: Wir schauen nur auf Übergriffe von Ausländern. So lenken wir vom ursprünglichen Problem ab. Denn sexuelle Gewalt ist ein Männerproblem, unabhängig von Herkunft oder Religion. Es darf nicht instrumentalisiert werden, um rassistische Tendenzen zu beflammen.

Verbrecher sind Verbrecher, nicht weil sie Syrer oder Rumänen sind, sondern weil sie Verbrecher sind. Und die gehören gefasst und bestraft. Unser Sexualstrafrecht unterscheidet nicht zwischen In- und Ausländern. Wir Frauen lassen uns auch nicht als Instrument missbrauchen, damit gegen bestimmte Gruppen gehetzt werden kann.

Denn: gegen welche „Gruppe“ sollten wir bei diesem Thema vorgehen oder welche sollten wir abschieben?

  • Priester, weil einer davon in meiner Heimatgemeinde „unsittliche“ Dinge mit Mädchen gemacht hat?
  • Junge Österreicher, weil einer davon mich beim Joggen an der Donau damit überrascht hat, dass er aus dem Gebüsch gesprungen ist und seine Hose vor mir hinuntergezogen hat?
  • Bankmitarbeiter, weil einer davon bei einer Wohnungsbesichtigung versucht hat, sich mir sexuell aufzudrängen?
  • Fahrschullehrer, weil sowohl mir als auch meiner Tochter jeweils bei unseren Fahrstunden direkte Angebote für gemeinsame sexuelle Aktivitäten gemacht worden sind?
  • Landesbedienstete, weil sich der Vorgesetzte meiner Freundin im Landesdienst regelmäßig den Griff zwischen ihre Beine nicht verkneifen konnte?

Keinesfalls kann es nun darum gehen, den Frauen zu erklären, wie sie sich zu benehmen hätten. Ratschläge, wie eine „Armlänge“ Abstand, nicht alleine außer Haus gehen, oder keine Einladung zum Getränk annehmen – wohin führt das? Sagen wir lieber den Männern, wie sie sich zu benehmen haben, anstatt den Frauen Ausgeh-Regeln vorzuschreiben.

Österreich ist anders geworden, vielschichtiger und komplexer, und wird sich auch täglich weiter verändern. Aber es liegt in unseren Händen, wie es schließlich aussehen wird.

Ich lasse mir meine Lebensweise sicher nicht nehmen. Freiheit und Selbstbestimmung, das sind hohe Werte für mich als Frau. Viel zu lang haben Männer darüber bestimmt, was eine Frau tun darf. In diese Zeit wollen wir nicht mehr zurückkehren. Ich will eine Begegnung zwischen Mann und Frau auf Augenhöhe und mit Respekt. Denn sexuelle Gewalt ist nicht normal. Daher müssen wir darüber reden und entschieden dagegen vorgehen.

Was wir brauchen:

  • Mehr öffentliche Aufklärungsarbeit
  • Geschlechtersensible Pädagogik, denn auch diese kann Gewalt vorbeugen
  • Eingreifen statt wegschauen, und zwar bei jedem sexualisierten Übergriff
  • Eine offene und differenzierte Debatte über sexualisierte Gewalt
  • Keine Verhaltensregeln für Betroffene, um sie so vom Opfer zum Täter zu machen