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Politik braucht Frauen. Und Politik geht anders.

07.03.2017 Judith Raab

Davon bin ich fest überzeugt. Auch das waren Motive für mich, in das damals  existierende Kasperltheater Politik vor mehr als 3 Jahren einzusteigen und selbst aktiv zu werden. Weil vom Sudern nix besser wird. Und weil die derzeit Regierenden mein Steuergeld verprassen, sodass selbst meine Ururenkerl für diese Schulden noch blechen werden.

Alles was wir tagtäglich tun ist Politik. Ob wir mit Öffis fahren können, in welche Schule unsere Kinder gehen, ob wir uns das Leben in der Pension mal leisten können, welches Bild wir von Männern und Frauen in der Gesellschaft haben – Politik findet in jedem Winkel unseres Lebens statt. Sie geht uns alle an. Und sie ist mit sehr viel Verantwortung verbunden.

Man kann Politik nur machen wenn man fühlt, dass man sie machen muss. Wenn man beseelt ist von einer konkreten Idee, einer Vision. Und ich spüre das ganz stark in mir. Ich bin völlig durchdrungen von einem tiefen Gefühl der Verantwortung. Für mich als Frau, für meine Tochter, für die Menschen mit denen ich lebe. Jeden Tag wieder die Welt ein Stück mehr in Richtung Freiheit und Selbstbestimmung zu entwickeln. Das ist mein Anliegen. Daher habe ich eine politische Reformbewegung mit aufgebaut. Eine Reformbewegung, wie sie für das 21. Jahrhundert passt: offen, freiheitsliebend, transparent. Dem Menschen zugewandt und nicht Systemen.

Landessprecherin und Spitzenkandidatin bei NEOS zu sein, war mit Sicherheit die spannendste und bereicherndste Zeit in meinem Leben. Aber auch die anstrengendste. Mehr als 3 Jahre lang jeden Tag ehrenamtlich neben dem normalen Job eine Landesorganisation aufzubauen. Im Urlaub, am Wochenende, spät abends und früh morgens. Aber immer mit voller Überzeugung. Denn was wäre die Alternative? Unzufrieden sein und jammern? Nicht mehr wissen wo ich mein Kreuzerl machen soll? Das ist nicht mein Ding. Ich will eine andere Politik. Dem Menschen zugewandt, vielfältig, modern und offen. Männer und Frauen auf Augenhöhe, gemeinsam vereint in der Verantwortung für die nächste Generation.

Nach 3 Jahren wird bei uns ein Landesteam neu gewählt. Mein persönlicher Wunsch war es, neue Leute in diese Verantwortung gehen zu lassen. Sie selbst erleben zu lassen was es heißt, diese Verantwortung zu tragen. Eine Lernerfahrung, die einen für das ganze Leben prägt. In keinem anderen Bereich ist es so wichtig, immer wieder einen Schritt heraus zu gehen und sich selbst zu reflektieren, wie in der Politik. Bin ich noch ich selbst, oder nur die Projektion dessen, was ich zu sein glaube? Werde ich wie „die anderen“, kann ich noch distanziert reflektieren oder verschwinde ich in meiner Blase?

Es fehlt derzeit bei uns noch an der Kultur für zeitliche Befristungen in der Politik. Wir haben das Bild, das jemand in die Politik geht und dort für immer bleibt oder alternativ in einem staatsnahen Betrieb versorgt wird. Berufspolitiker eben. Eine Zeitliche Befristung von politischen Ämtern wäre höchst an der Zeit. Wir bei NEOS haben sie uns intern deswegen selbst auferlegt.

Ja, es ist ein Risiko dass man so auf sich nimmt. Aber ich will Leute in der Politik haben, die auch ein Risiko eingehen können. Die im Kopf frei sind und auch den anderen diese Freiheit zugestehen. Ich will Politiker_innen, die das echte Leben kenne und spüren. Die nicht in geschützten Systemen groß geworden sind und die normalen Herausforderungen des Lebens auch selbst kennen und meistern mussten. Auch mal arbeitslos sein, sich um Jobs zu bewerben (ohne stützenden Parteiapparat im Hintergrund) – das wären heilsame Erfahrungen für unsere Leute in der Regierung. Denn das ist für die meisten Menschen in Österreich eine der größten Ängste – und den Regierenden völlig fremd.

Mein größtes Projekt bisher war die Spitzenkandidatur für den Landtagswahlkampf in OÖ. Als berufstätige Frau und Mutter bin ich aufgestanden gegen eine Reihe von männlichen Berufspolitikern. Alles privat und durch Unterstützer und Ehrenamtliche finanziert, angetreten gegen millionenschwere Parteiapparate aus Steuergeldern. Täglich 14 Stunden und mehr unterwegs. Ungesundes Essen, wenig Schlaf, trotzdem immer Zeit, wenn jemand etwas braucht. Mit Plänen für Oberösterreich, die unsere Mitglieder alle gemeinsam entwickelt haben. Mit einem Team, das von allen gewählt und getragen worden ist und in dem wir alle gemeinsam gerannt sind. Und vor allem mit vollem Risiko. „Hast du keine Angst?“, bin ich sehr oft gefragt worden. Nein. Ich hatte und habe keine Angst. Ich weiß, dass Veränderung Mut und Durchhaltevermögen braucht. Von beidem habe ich massig. Und ich will vor allem in keinem Land leben, in dem es Mut braucht, sich politisch zu engagieren. Nicht im 21. Jahrhundert und nicht mitten in Europa.

Die Staffel in der Landesleitung gebe ich nun weiter an Rainer Hable, unseren Nationalrat und NEOS der ersten Stunde. Er wird die jetzt anstehenden nächsten Entwicklungsschritte gemeinsam mit seinem Team perfekt umsetzen. Ich leiste weiterhin meinen Beitrag zur Entwicklung unseres Projekts, nur in einer neuen Rolle. Denn ich brenne für Politik und ich wünsche mir dringend eine neue Form der Politik. Aktiv zu sein bereitet mir die große Befriedigung meines Bedürfnisses danach, selbst einen Beitrag zu leisten. Nicht untätig zu sein, wenn ich mit dem Bestehenden nicht mehr zufrieden bin.

Ich bin lange in mich gegangen was mein Motor ist, was mich antreibt. Habe eine internationale Ausbildung in der Politik gemacht. Und bin bei allem Grübeln und Sinnieren immer wieder auf Eines gekommen, was mich bewegt: Frau sein. Das ist mein zentrales Thema. In allen Facetten. In der politischen Teilhabe an Entscheidungsprozessen, in der Stärkung anderer Frauen, in dem Bild das ich selbst aus Frau lebe, dem Beispiel das ich meiner Tochter und anderen Frauen gebe. Für mich ist die Zukunft weiblich. In jedem Fall wird die Politik der Zukunft weiblicher, denn genau diese Energie fehlt in diesem System noch zu sehr. Männer und Frauen gleichberechtig an einem Tisch, wenn Entscheidungen getroffen werden. Das ist mein Bild, das ich vor Augen habe. In diesem Bild fehlt es nur derzeit noch an Frauen 🙂

Und mir selbst fehlte in den letzten Jahren die Zeit für Sport und für mich selbst. Und die nehme ich mir nun wieder. Wir sehen uns also beim Joggen, beim Golfen und hoffentlich bei vielen Veranstaltungen bei NEOS!