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Offener Brief an Josef Pühringer zu Kinderbetreuung

29.09.2016 Judith Raab

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann,

Sie meinten, dass wir in OÖ unsere Kinder lieber selbst betreuen, anstatt sie in professionelle Betreuungseinrichtungen zu geben.

Bis zur Geburt meiner Tochter war ich voll berufstätig, hatte ein gutes Einkommen und war absolut unabhängig. Der Vater meiner Tochter und ich hatten ein anderes Bild von Familie und Partnerschaft. Daher kam bald die Trennung, so ist das Leben. Ich für meinen Teil musste nur rasch wieder arbeiten gehen, denn unser Leben musste ja finanziert werden. Und so sehr ich meine Tochter liebe – ich wollte auch noch andere Inhalte in meinem Tagesablauf haben. Meine Tochter war ein Jahr alt, die Tagesmutter durfte nur bestimmte Zeiten abdecken. Private Babysitter kosten Geld, sind daher nur die Ausnahme. Habe die kleine Maus somit des Öfteren zur Oma gebracht (Fahrzeit eine Strecke 50 Minuten), damit ich dann meine Arbeitszeit (illegaler Weise) geblockt habe, um an diesen Tagen mit Betreuung möglichst viel meiner Wochenarbeitszeit zu erledigen.

Mein Traum war immer ein Studium – also habe ich mir später auch diesen Traum noch erfüllt. Neben Kind und Job noch studieren, das war ein wilder Ritt. Oft wusste ich am Montag noch nicht, wie ich am Dienstag in die Arbeit oder zur Uni komme, wo ich mein Kind hinbringen darf. Das braucht in OÖ enormes Organisationstalent und ein belastbares Netzwerk an Freudinnen, Tanten, Nachbarinnen und anderen Helfenden – meist Frauen.

Sie, lieber Herr Landeshauptmann, meinen nun: „I wo, in Oberösterreich wollen die ihre Kinder eh lieber selbst betreuen!“.

Wie weltfremd und abgehoben kann ein Mann sein, der so etwas sagt? Spüren Sie sich manchmal noch selbst oder plappern Sie einfach ganz selbstverliebt so vor sich hin? Gibt es noch irgendeine Form von Resonanz zwischen Ihnen und dem echten Leben? Oder ist dazwischen eine schalldichte Mauer an huldvoll buckelnden Parteisoldaten, die selbst solche Entgleisungen mit frenetischem Applaus kommentieren und Ihnen die Schulter klopfen? Die Welt hat sich verändert. Wir Menschen haben uns weiter entwickelt. Wir leben im Jahr 2016. In welchem Jahrzehnt sind Sie stecken geblieben? Wo genau leben Sie, lieber Herr Landeshauptmann?