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Nur noch deutsche Sprache in unseren Pausenhöfen?

08.12.2015 Judith Raab

Das Arbeitsübereinkommen zwischen ÖVP und FPÖ sieht vor, dass in Schulen auch in den Pausen nur noch Deutsch gesprochen werden darf.

Welches Ziel wird damit verfolgt?
Man könnte ganz banal unterstellen, dass die ÖVP so den zur FPÖ abgewanderten Wähler zuzwinkert und Küsschen wirft. Das wäre allerdings wirklich sehr banal.
Also gehen wir davon aus, unsere Bildungsexperten im OÖ Landtag wollen damit Sprache und Integration fördern. Wenn das Ziel also darin liegt, Schüler_innen in ihrer Sprachkompetenz zu stärken, so ist noch zu klären, ob dieser Zwang ein probates Mittel für die Zielerreichung darstellt.

Ein anderes Ziel könnte lauten, dass man Separation, Gruppenbildung, Ausgrenzung entgegen arbeiten möchte. Wenn eine bestimmte Gruppe für sich eine eigene Sprache spricht, die von anderen nicht verstanden wird, dann können sich einzelne Schüler_innen ausgegrenzt fühlen. Sprache grenzt aus und Sprache schließt ein, je nachdem wie sie angewendet wird. Wenn das Ziel somit darin liegt, solchen Ausgrenzungen entgegen zu wirken ist ebenfalls zu klären, ob mit dem Verbot der eigenen Muttersprache dieses Ziel erreicht werden kann.

Generell liegt die Methode des Zwangs und der Verordnung im aktuellen Trend der Politik. Man versucht Menschen abschließend in Gesetze zu packen. Eigenverantwortung, Selbstbestimmung oder gar Selbstreflexion – alles böses Teufelszeugs. Wo kämen wir denn da hin, wenn sich die Macht plötzlich verschiebt vom Staat – respektive der Partei – hin zu den Bürgern selbst? Der Gedanke durchzuckt den gelernten Berufspolitikers wie ein schmerzhafter Blitz und er beruhigt sich erst wieder beim Gedanken an Bundesrat, Landesschulrat, Wohnungsgenossenschaft oder Energieversorger, die Halt und Perspektive vermitteln. Alles wird gut.

Doch zurück zum ursprünglichen Thema. Stärkt ein Verbot der eigenen Muttersprache den Erwerb der deutschen Sprache als Fremdsprache? Fördert Zwang oder Verbot die Integration?
Bildungsexperten sind sich darin einig: Nur wer seine eigene Muttersprache stabil und sicher erlernt hat, hat die Chance, darauf aufbauend eine Fremdsprache gut erlernen zu können. Hirnforscher beschwören immer wieder die Bedeutung von angstfreien Lernumgebungen, dem Erhalt der natürlichen Lust am Lernen und der Möglichkeit, eigene Erfahrungen machen zu können. Das Prinzip „du musst“ ist somit hirntechnisch ein völliger Blödsinn, aus ideologischer Perspektive allerdings konsequent. Der angeborenen Lust am Lernen und Entdecken entspricht das Prinzip „ich will“, weil der Sinn dahinter verstanden und ein positiver Anker gesetzt werden kann.

Wo wir beim zweiten möglichen Ziel wären: Dem Bestreben einer Cliquenbildung oder gar Ausgrenzung entgegen zu wirken. Wenn Kinder mit Migrationshintergrund in den Pausen in ihrer Muttersprache sprechen, dann können sich andere ausgegrenzt fühlen, oder meinen, man würde über sie lachen oder gar lästern. Was würde sich ändern, wenn nun nur noch Deutsch gesprochen werden darf? Würde es somit keine Ausgrenzung und Cliquenbildung mehr geben? Wohl kaum. Dafür finden Kinder viele Mittel und Wege. Wenn man es allerdings erst meint, und solchen Ausgrenzungen entgegen wirken will, dann sollte man sie zum Thema machen. Hier geht es dann allerdings um soziales Lernen, um Verständnis füreinander, um die Kompetenz der Empathie und des sozialen Lernens. Das braucht völlig andere Methoden und Zugänge, als das Verbot von Fremdsprachen in Pausenräumen. Dieses Verbot würde nichts am Grundproblem ändern.

Bildung ist Beziehungsarbeit. Sie funktioniert nicht über Verordnung und Strafe, sondern über positive Bestärkung, eigene Erfahrung und das alles auf Augenhöhe. Nicht von oben herab durch politische Vorgaben. Jedes Kind lernt von Natur aus gerne, ist wissbegierig. Es würde schon genügen, wenn wir diese Lust am Lernen nicht unterdrücken. Vor allem Flüchtlingskinder haben oft eine enorme Lust am Lernen, weil sie lange genug dem Bildungsnapf vorenthalten worden sind. Lassen wir unsere Kinder gemeinsam die Welt entdecken und die Vielfalt, in der sie darin leben.

Ein Schüler ist zudem kein Objekt, dem man etwas vorgibt oder beibringt, sondern ist Subjekt des eigenen Bildungsprozesses. Man kann sich nur selbst bilden. Niemand kann einen anderen bilden. Man kann auch nicht Wissen von einer Person auf die andere übertragen. Die Aneignung von Wissen ist ein aktiver Prozess. Das gilt es zu respektieren. Auch von Seiten der Politik.

Das Verbot der eigenen Muttersprache in den Schulpausen durch Gesetz oder Verordnung wird nicht zu den oben genannten Zielen führt. Das braucht andere Maßnahmen. In erster Linie gilt es die eigene Muttersprache zu festigen, damit sie als Fundamten für Deutsch als Fremdsprache tragfähig ist. So können Kinder und Jugendliche Deutsch in jener Qualität lernen, die ihnen langfristig ein selbstbestimmtes Leben abseits vom AMS ermöglichen. Außerdem wird jede Schule vor anderen Voraussetzungen stehen. Daher sollen sie Maßnahmen und Projekte autonom bestimmen können. Auch in Bezug auf kulturelles Lernen. Jede Region weist andere kulturelle Eigenheiten auf, abgesehen von den übergeordneten Themen wie Demokratie, Gleichberechtigung oder Religionsfreiheit. Kinder mit Migrationshintergrund werden in einer kleinen Gemeinde im Salzkammergut auf eine andere Kultur des Miteinander treffen, als in einer Großstadt wie Wien. Auch diese Unterschiede gilt es kennen zu lernen, wenn wir von kulturellem Lernen sprechen. Dafür braucht es entsprechende Lernräume und Angebote, um diese Form des Lernens zu ermöglichen. Zusätzliche Unterstützungskräfte in den Klassen, Projektarbeiten, Schulentwicklung – unseren engagierten Lehrkräften fällt mit Sicherheit viel dazu ein, abseits von Sprachverboten.

Abschließend noch ein Wunsch an unsere Regierung. Stellt euch doch bitte ernsthaft der wesentlichen Frage:
Was ist generell das Ziel von Bildung und Schule in unserem Land?
Und wirkt jede der Maßnahmen, die wir im Bildungsbereich setzen, auf dieses Ziel hin?

Wenn das definiert und klar ausgesprochen ist, dann erübrigen sich viele bildungspolitischen Diskussionen in Zukunft von ganz alleine.