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Hashtag #TrainOfHope

05.09.2015 NEOS OÖ

Ich war bereits die zwei Tage zuvor geschäftlich am Westbahnhof in Wien. Dort war ich bereits von den vielen Menschen beeindruckt, die dort für Zugtickets für Flüchtlinge gesammelt haben, Essen und Trinken für die wartenden Flüchtlinge am Bahnhof bereitstellten und jungen Menschen, die sich mit Patex einen Zettel auf die Brust klebten, auf denen die Sprachen standen, welche sie übersetzen können.

Ich war dort auch dabei, als am Freitag nur leere Züge aus Ungarn ankamen – und die Enttäuschung welche sich dort breit machte. In der späten Nacht überschlugen sich Freitags dann die Medienereignisse und es wurde klar, dass am nächsten Tag eine große Anzahl von flüchtenden Menschen aus Ungarn kommen werden. Mit dem Wissen, dass Tage zuvor 3000 Menschen am Westbahnhof ankamen und bis auf 4 Personen alle nach Deutschland weiter reisten, war mir schnell klar, dass besonders am Bahnhof Linz Züge mit Menschen durchkamen, die einfach Hilfe benötigen.

Am Samstagmorgen klingelte ich alle möglichen Freunde und Bekannte durch, und bat um Mithilfe. Etliche schliefen scheinbar noch, aber ein paar sagten mir sofort ihre Hilfe zu. Also erledigte ich noch schnell die notwendigsten Dinge im Haushalt, setze mich ins Auto und kaufte noch schnell ein paar Dinge ein, die auf jeden Fall benötigt werden: Wasser, Zahnbürsten, Hygieneartikel für Frauen, etwas Süßes für Kinder und fuhr zum Hauptbahnhof.

Das Bahngleis wurde schnell gefunden, denn dort warteten bereits rund 100 andere helfende Personen. Ich stellte meine Dinge dazu, danach hieß es warten.

Der erste Zug kündigte sich an, blieb stehen, und viele helfende Hände trugen die Hilfsgüter in den Zug hinein. Im Zug selbst war eine Mischung aus totaler Erschöpfung, strahlenden Gesichtern, schlafenden und lächelnden Gesichtern. Der Mann vor mir Zog einen kleinen Löwen aus einem Sack und gab ihn einem kleinen Mädchen. Das Gesicht des Mädchens war unbeschreiblich. Aber es war leider viel zu wenig Zeit um wenigstens ein paar Worte zu wechseln. Im Zug lagen Kinder auf dem Boden, auf den Tischen. Es ist auf den ersten Blick erkennbar gewesen dass diese Menschen durch die Hölle gegangen sind. Verstörte Kindergesichter waren ebenso zu sehen, wie dankbare Eltern, junge Erwachsene die offenbar noch genug Kraft dafür hatten uns im Zug bei der nur wenigen Minuten andauernden Aktion zu helfen. Am Ende des Abteils stellen ebendiese jungen Syrer die Dinge wieder auf das Bahngleis, was eben nicht benötigt wurde. Es wurde somit nicht gehortet, sondern sich genau das genommen, was in dem Moment benötigt wurde.

Der Zug fuhr wieder ab, man holte neue Hilfsgüter aus dem Depot am Bahnhof ab, welche von unzähligen Händen vorsortiert wurde. Beim nächsten einfahrenden Zug wiederholte sich alles.

Was blieb waren die Gesichter der Mütter, als sie das erste Mal seit Tagen saubere Windeln in die Hände bekommen hatten. Dinge, welche für uns selbstverständlich erscheinen, hatten in den Zügen eine unheimliche Bedeutung: saubere Taschentücher, Feuchttücher, Stofftiere.

Im Zug herrsche ein Gestank, der eine Mischung war aus Schweiß, alten Fäkalien, Dreck und einem Waggon voller Menschen, welche seit Wochen keine ordentliche Dusche mehr gesehen haben. Eben eine Flucht mit unendlichen Entbehrungen, mit unendlichen Leid und wochenlanger Ungewissheit.

Und das was am Bahnhof verblieb nachdem die Züge wieder abgefahren waren, war ein Lächeln der Helfer und Helferinnen, die das Gefühlt ereilte, jemanden in Not wirklich geholfen zu haben.

Lukas Dorn-Fussenegger, 5.9.2015