Gastblog Von Sonja Schmolmüller

Schule neu denken!

15. May 2020

Unsere Gastautorin Sonja Schmolmüller ist pädagogische Mentorin, Autorin und Bildungsmanagerin. Als Schulgründerin und Praktikerin kennt sie die Herausforderungen im Bildungssystem aus eigener, langjähriger Erfahrung. 

Überforderung der Pädagogen und Unterforderung der Schüler

Das große Problem im gesamten Schulsystem sehe ich in der Überforderung der Pädagogen durch zu große Klassengrößen und auch zu wenig Platz in den Klassen, denn die Lehrkräfte müssen dann sehr viel Zeit und Kraft investieren, um Ruhe und Frieden in den Klassenverband zu bringen. Da passiert es dann häufig, dass es zur ersten Unterforderung der Schüler kommt.

Pädagogen sprechen:

„Ich bin Lehrerin in einer 2. Klasse einer öffentlichen Volksschule. Das Hauptproblem dort ist, dass einfach zu viele Kinder in den Klassen sind. Ich brauche rund 50 Prozent der Zeit und auch meiner Energie, bis ich einmal Ruhe in eine Klasse bringe und mit dem Unterricht beginnen kann.“

 

Das alte Lied: Kein Mensch hält sich an die Erkenntnis, dass jedes Kind ein Wesen mit ureigenen Gefühlen und inneren Kräften ist. 

Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten. Sie wissen ganz genau, wer sie sind, was sie können und wo ihr Interesse ist. Leider Gottes passiert oftmals schon so viel in den ersten Lebensjahren, dass ureigene Fähigkeiten verloren gehen. Wir müssen Kinder in ihrem Sprechen, Denken und Handeln ernst und für wahr nehmen. Die Erkenntnisfähigkeit von Kindern ist sehr fein ausgeprägt. Kinder sind feinfühlige und auch ehrliche Persönlichkeiten. Sie sprechen aus, was sie fühlen und denken, und lassen sich nicht in ein vorgefertigtes Schema einpressen. Kinder lernen nicht nur über das Begreifen und Erfahren, sondern brauchen beim Lernen die intensive Beziehung, den vertrauten Kontakt zum Pädagogen sowie den kommunikativen Austausch. Ein Kind muss man sprechen lassen. Somit können sie sich vorstellen, dass ein Lernen im Frontalunterricht und mit veralteten Methoden speziell im Grundschulalter nie und nimmer funktionieren kann. Ganzheitliches Lehren und Lernen erfordern, dass die Zeit für persönliche Beziehung vorhanden sein muss. Ein vertrautes Verhältnis ist der Grundstein, damit Lehren und Lernen funktionieren können. Gerade bei den jüngsten Schülern, also in der Grundschule fordert der Lernprozess ausreichend Zeit für persönliche Gespräche, da die kognitive Entwicklung von Kindern ganz anders ist als von Erwachsenen. Kinder fordern es vom Lehrer ein, das WARUM, WIESO und WESHALB des Lernens zu beantworten. Erwachsene haben oft die Angewohnheit, dass sie Kindern Denkstrukturen auferlegen, die eigentlich der Natur von Erwachsenen entsprechen.

 

Kinder brauchen Pädagogen als Mentoren, Lebensbegleiter und Beobachter. 

Man kann es nicht oft genug erwähnen: Eine Lehrbefähigung zu haben, bedeutet noch lange nicht, imstande zu sein, ein Kind zu unterrichten oder Schüler beim Lernen zu begleiten. Werden Pädagogen in ihrer Ausbildung ungenügend vorbereitet? Lernt man in der Grundausbildung wirklich praktische Ansätze, die für den Schulalltag relevant sind? Werden Pädagogen in der Ausbildung wirklich angeleitet und befähigt, die individuellen Potenziale und Bedürfnisse der Kinder zu erkennen und auch in ihrem Unterricht entsprechend darauf einzugehen? Hat ein Pädagoge überhaupt die Chance und Möglichkeit, in den derzeitigen Strukturen eine Individualisierung und Differenzierung in der Unterrichtsarbeit zu erreichen? Wir wissen alle, dass das nicht geht, und jeder wünscht sich, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem eine wertschätzende Kultur und transparente Struktur herrschen. Eine positive Stimmung in der Schule und im Klassenzimmer zu erzeugen, ist die Grundvoraussetzung, damit Lehren und Lernen überhaupt Sinn machen! Der Großteil der Schüler und speziell der Kinder nimmt das Empfinden eines Erwachsenen ganz genau wahr. Junge Menschen bemerken, wenn ein Erwachsener nicht gut gelaunt ist oder eventuell Sorgen hat. Daher ist es wichtig, dass man es schafft – auch wenn es noch so schwer ist –, den eigenen Ballast zu Hause zu lassen. Und wenn Probleme alleine nicht zu bewältigen sind, muss jeder die Eigenverantwortung übernehmen und dafür sorgen, dass ein anderer zu Rate gezogen wird, damit ein ganzheitliches Wohlbefinden wieder erreicht wird.

 

Das Kind steht im Mittelpunkt des Lehrens und Lernens – das Kind als eigenständige Persönlichkeit!

Die Gießkanne im herkömmlichen Schulalltag lässt die Früchte nicht gedeihen, sie macht den Schulalltag grau.

Der gleiche Lerninhalt soll von allen Schülern zur gleichen Zeit mit möglichst einheitlicher Geschwindigkeit und mit einer einzigen Methode (meist auch über einen einzigen Sinneskanal) aufgenommen werden. Das kann nicht funktionieren! Menschen haben unterschiedliche Lernerfahrungen. Die Entwicklungspsychologie und die Lernforschung betonen es immer wieder, dass jedes Kind trotz gleichen Alters unterschiedliche Entwicklungszyklen und Lernzugänge hat. Wie oft kommt es vor, dass Pädagogen jedes Jahr die gleichen Unterrichtskonzepte heranziehen, obwohl sie andere Kinder/Schüler unterrichten! Wie sehen Differenzierung und Individualisierung im Unterrichtsalltag aus?

Beispiel aus der Berufspraxis:

„Als ich in der Eröffnungskonferenz meinem Direktor mitteilte, dass ich bereits im neuen Schuljahr 8 Unterrichtsfächer in 5 unterschiedlichen Jahrgängen und Klassen unterrichte, sagte ich, dass für mich ein weiterer Gegenstand nicht mehr zumutbar ist und an andere Kollegen vergeben werden sollte. Eine andere Kollegin, die schon einige Dienstjahre hinter sich hatte und fast immer nur die gleichen Gegenstände unterrichtet hat, sagte daraufhin zu mir: „Warum bist du auch so blöd und bereitest deinen Unterricht jedes Jahr aufs Neue vor?“